Der Beginn einer Reise

15.02.2019. 

Ein Datum, dass ich wohl nicht so schnell vergessen werde – sollte man meinen. 

Aber rückblickend kann ich sagen, dass ich das Datum schon längst verdrängt habe. Nicht aber den Grund, warum das Datum mir in Erinnerung bleiben sollte: den Aufbruch in einen neuen Lebensabschnitt – mein One-Way Flug nach Afrika. 

Angetreten war ich diese Reise mit der Idee für 2 Jahre in Isithumba, Südafrika, in dem ICDM (Isithumba Community development movement) zu voluntieren. 

Mit der Zeit stellte sich jedoch für mich heraus, dass ich noch nicht bereit war, ein neues “daheim” aufzubauen und mich irgendwo niederzulassen. Ich wollte mehr Erfahrungen sammeln, verschiedene Menschen und Kulturen kennenlernen und meinen Horizont erweitern. 

Aber beginnen wir von vorne. Was ist das ICDM, was hat mich Südafrika noch gelehrt und wie ist das Leben im südlichsten Land Afrikas?

Das ICDM ist eine NPO (non Profit Organization), welche vor einigen Jahren in Isithumba von einigen Bewohner gegründet wurde.

Das Dorf selbst liegt in dem Tal dem 1000 Hügel (Valley of 1000 Hills) zwischen Durban und Pietermaritzburg im Nordosten des Landes. Es gehört zu der Provinz KwaZulu-Natal, welche wohl geografisch auch als der frühere Hauptsitz von König Shaka gilt. 

Das Ziel des ICDM ist die Entwicklung der Kinder und damit des Dorfes an sich.

Über ein breites Sportangebot sowie die Teilnahme an verschiedenen Sportevents und weiteren Projekten werden die Kinder gefordert und gefördert. 

Jeden Wochentag nach der Schule stehen die Türen für die Kinder offen. Es gibt Bälle, eine Tischtennisplatte, zwei Schachbretter sowie verschiedene Kartenspiele und weiteres kleines Sportequipment (z.B. Seilchen). 

Wenn das Wetter angemessen ist, kann außerdem auf 2 Kanus zurückgegriffen werden und der nahegelegene Fluss zur Erfrischung genutzt werden. 

Für mich sehr interessant und spannend war, dass alle Kinder Schach spielen bzw. es lernen. Durch das Schachspiel wird ein strategisches Denken geschult sowie eine gewisse Ruhe und Voraussicht. Außerdem hilft es den Kindern Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und somit ein breiteres Denkspektrum aufrecht zu erhalten.

Nachdem ich in der Grundschule eine Schach-AG besucht habe, ist das Spielen bei mir für eine lange Zeit zum Erliegen gekommen, ehe ich jetzt in Südafrika wieder mit dem Schach spielen angefangen habe. Neben spannenden Matches gegen die Kids wurde häufig auch abends gespielt, wenn man sich mit Freunden getroffen hat und gemeinsam den Tag hat ausklingen lassen. 

Während meiner 2 Monaten, die ich in dem ICDM verbracht habe, gab es außerdem ein Gartenprojekt sowie ein Müllprojekt. 

Das Gartenprojekt sollte den Kids zeigen, wie man einen Garten in den gegebenen Umweltbedingungen bewirtschaftet und ihr Interesse dafür wecken. Das würde dann mittel- bis langfristig ggf. zu einem eigenen Garten daheim führen, was Geld spart. Des Weiteren würde es eine gesündere Ernährung zur Folge haben, denn das typische Essen besteht aus Reis oder Papp mit Bohnen oder Fleisch bzw. Fisch aus dem Fluss. Gemüse und Obst ist hier verhältnismäßig teuerer und werden daher weniger zu sich genommen.

Das Müllprojekt sollte die Aufmerksamkeit auf eine saubere Umwelt fokussieren und dem Dorf eine einfache Möglichkeit dafür bieten. Ziel war das Schaffen einer Sammelstelle für den Müll, von welcher dieser einmal die Woche abgeholt wird. Darüber hinaus wurden Müllsäcke an die Bewohner verteilt, welche gegen leere getauscht werden, sobald sie zur Sammelstelle gebracht werden. 

Immer mit eingebunden wird auch die Schule, die direkt nebenan liegt und die auch die ersten Müllsäcke brachte. 

In dem stetigen Austausch mit Durban bzw. den jeweiligen Ministerien wurde außerdem eine Aufstellung von Mülleimern an strategischen Orten wie Shops und einigen Stellen der Straße angeregt. Der stetige Austausch wird auch genutzt, um weitere Projekte zu initiieren und Funding für diese zu bekommen. So gibt es z.B. Ideen eines inländischen Austauschprogramms, welches es Kindern ermöglichen würde, die anderen Kulturen und Provinzen des eigenen Landes kennenzulernen. Außerdem würden die Kinder in einem frühen Stadium Erfahrungen sammeln, die Ihnen zeigen, dass die Apartheid ein Geschehnis der Vergangenheit war und die anderen Kinder nicht mit selbigen Gedankengut geboren werden. 

Um die Interaktionen zwischen den Kindern oder den Menschen Südafrikas besser zu verstehen, muss man sich mit der Kultur der Zulu sowie der Geschichte Südafrikas auseinandersetzen. Den beides ist sehr prägend, wobei ich hier nicht wirklich in irgendwelche geschichtlichen Details gehen will.

Zu Zeiten der Apartheid wurden Menschen in Schwarze, Weiße und Farbige unterteilt. Dabei half zum einen die Hautfarbe oder auch der Pencil test. Was der Pencil test ist? Man stecke sich einen Stift in die Haare über der Stirn und lehne sich nach vorne. Bei afrikanischen Haaren wird der Stift stecken bleiben, aufgrund ihrer Struktur und bei “weißen” Haaren wird der Stift herausfallen. 

Diese Unterteilung war allerdings nicht nur auf dem Papier ersichtlich, sondern auch im Alltag. So bewohnten die Weißen die Städte, die Farbigen die Außenbezirke und die Schwarzen die Dörfer. Es gab für die Schwarzen keine Schulbildung und auch nur bedingt Rechte. Hunde wurden darauf abgerichtet Schwarze zu beißen, sodass heutzutage noch viele Schwarze sehr viel Respekt bzw. Angst vor Hunden haben. 

Nachdem die Apartheid dann endete, wurde keine Umverteilung/Neuverteilung/Rückgabe des ehemaligen Eigentums vorgenommen. Die Auswirkungen kann man nicht nur in der Wahl 2019 sehen, in welcher die EFF an Stimmen und die ANC deutliche Einbußen hinnehmen musste, nachdem sie nach 25 Jahren immer noch keine wirkliche Gleichheit schaffen konnte. 

Die Auswirkungen kann man auch in den Menschen wiederfinden. 

Unterhält man sich mit Schwarzen, werden die Weißen für vieles verantwortlich gemacht, was zum Teil nur bedingt in einem kausalen Zusammenhang mit der Apartheid gesetzt werden kann. Unterhält man sich mit den Weißen, sind die Schwarzen faul und kriminell. 

Schaue ich als Außenstehender darauf, sehe ich normale Menschen, die aus “unerfindlichen” Gründen einander nicht leiden können und sich von den wenigen schlechten Beispielen und den Geschichten der Vergangenheit blenden lassen. 

Es zeigt aber, welche langfristigen Schäden eine solche Ungleichheit/Ungerechtigkeit ausrichten kann, vor allem dann, wenn die Menschen das Gefühl entwickeln, dass Veränderungen nur auf dem Papier erfolgen. 

Aber wenn man über diesen Punkt mal hinwegsieht und sich die Kultur der Zulus ansieht, erkennt man eine wahnsinnig freundliche, hilfsbereite und einladende Kultur, die einen mit offenen Armen warm umarmt. 

Es wird gegrüßt, wenn man sich auf der Straße trifft und es entsteht nicht selten ein kleiner Plausch daraus. Die Menschen sind sehr offen und man kann mit jedem Unbekannten auf der Straße über kritische Themen wie Politik, Religion und Fußball diskutieren. Zugegeben von Fußball habe ich keine Ahnung und auch keine wirkliche Meinung zu den verschiedenen Clubs. 

Wohin man kommt und geht, die Menschen sind herzlich und man wird zum Essen eingeladen oder in das Haus eingeladen. 

Hier ist auch ein weiterer kultureller Unterschied zu erkennen. Die Frauen sind hier mehr in der Hausfrauenrolle und kümmern sich um das Essen und die Kinder, während die Väter arbeiten gehen. Eine Geschlechterrolle die tief verankert ist in der Kultur und die es für mich auch schwieriger macht, in der Küche selbst etwas zu tun. Meist wird den Männern auch nur wenig vertraut, wenn sie sagen, sie wissen wie man kocht. Aber auch dieser Unterschied befindet sich allmählich im Wandel und immer mehr Frauen fangen an zu studieren, zu arbeiten und sich selbst aus dieser Rolle auszunehmen. 

Etwas, das mich stört, aber wohl noch länger in der Kultur verankert bleiben wird, ist das Schlagen von Kindern als Erziehungsmaßnahme. 

Was die Sicherheit angeht, ist das Leben auf dem Dorf sehr sicher, wie es auch in einem deutschen Dorf ist. Man kann die Türen offen lassen und es wird nie kriminelle Handlungen geben.

Natürlich ist das in Städten ein wenig anders, aber wo auf dieser Welt gibt es Großstädte ohne Kriminalität. 

Sind Überfälle oder Übergriffe hier häufiger als in Europa? Ich würde “nein” sagen, wenngleich man natürlich eingestehen muss, dass sie hier vorkommen. Es gibt hier halt mehr von den kleinen dunklen Gassen, die man auch in europäischen Großstädten meiden sollte und es ist einfacher einen Touristen hier ausfindig zu machen (wenngleich man in Südafrika natürlich noch den Vorteil hat, dass es dort sowieso viele Weiße gibt). 

Die Kriminalität die hier vorherrscht würde ich allerdings als brutaler und hemmungsloser als die europäische beschreiben. 

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